Wodka und Eis
Abenteuer bei minus 40 Grad entlang des Kreml und Fjorden
von Gerry Mayr

Es ist bereits Nacht
als ich mit zwei Tagen Verspätung aufbreche. Aufbreche
in eine Fahrt ins Ungewisse, zu einem härtetest für das Kymco MXER150 Quad
und auch mich. Das Ziel ist über Russland das Nordkap zu erreichen und das
ganze auch noch in einer mörderischen Zeit, in 30 Tagen. Am 28.12.2002 ist
es dann soweit. Martin mein Partner fährt das Expeditionsfahrzeug, ein
Mazda B4000 mit 160 PS und ich das kleine ca. 14 PS starke Kymco Quad.
Um 17:00 Uhr geht es los. Es ist eine Fahrt in die Nacht, in Richtung Norden.
Die Autobahn bringt uns zügig weiter und bereits am nächsten Tag erreichen
wir die Grenze nach Polen. Der Grenzübertritt gestaltet sich recht einfach,
kein Wunder, denn schließlich möchte Polen in die EU. Das Polen nicht
gerade zu den reichsten Anwärtern für die EU gehört, merkt man spätestens
an den Straßen.

Es gilt
"Schlaglochalarm". Gerade für die 8 Zoll Räder des Kymco Quad sind die
Spurrillen und Schlaglöcher ein gefundenes Fressen. In Anbetracht dieser
Straßenzustände bin ich ganz froh das Quad nur auf 80 km/h getunt zu haben.
Vorbei an der Hauptstadt Polens, Warschau, führt uns die Straße zur Grenze nach
Weissrussland. Leider können wir dort den Zoll nicht ohne weiteres
passieren. Die Weissrussen lassen uns nicht einreisen da wir kein Transitvisum
für das Land haben. Dieses bekommt man nur in Warschau. Das bedeutet,
200 Kilometer zurück. Tatsächlich ist das Konsulat am 31.12. geöffnet. Wir erhalten
nach einer halben Stunde die Visa und sind je 60.-Euro los. Als wir die Grenze erreichen
ist es schon dunkel. Genauso dunkel gestaltet sich die Vorgehensweise der Grenzbeamten.
Zuerst werden wir
genötigt 200.-Euro Strafe zu bezahlen. Weil wir angeblich ohne
Versicherung in Weissrussland unterwegs sind. " So ein Quatsch, wir befinden uns
noch in der Zollanlage". Die Feilscherei beginnt, zum Schluss einigen wir uns auf
70.-Euro und eine Flasche Sekt. Müde von dem Stress an der Grenze fahren wir noch
200 km Kilometer weiter. Noch zwei Tage trennen uns von Russland. Diesem
geheimnisvollen Land, welches sich viele Jahrzehnte hinter dem eisernen Vorhang
versteckte. Die Autobahn in Weissrussland ist in einem guten Zustand. Sie kostet
allerdings
auch satte Gebühren und die Polizei überwacht ständig das Treiben dort. Wer keine
gültige
Versicherung hat, ist fällig, zweihundert Euro Strafe müssen dann sofort bezahlt werden.
Wir sind nicht böse
Weissrussland hinter uns zu lassen. Bei einem vollen Schneesturm
erreichen wir die Grenze nach Russland. Ruhig und mit System ist die Grenzprozedur in
einer Stunde vorüber. Die Beamten sind freundlich, zwei wirklich hübsche, modisch
gekleidete russische Beamtinnen begleiten uns durch die Bürokratie. Da der
Kurbelwellensimmering
bedingt durch die Kälte, bei minus 15 Grad, sich verabschiedet hat funktioniert, im
Moment,
der Motor nicht. Deshalb zieht mich Martin über die Grenze bis nach Moskau.
Fast 700 Kilometer
hänge ich an dem Seil. Die Straße geht zwar hügelig geradeaus, ist aber
durch Schnee und Eis nicht einfach zu fahren. Ohne Heizung drei Tage lang gezogen zu
werden
ist nicht wirklich ein Spass! Nachts erreichen wir dann Moskau, die Hauptstadt Russlands.
Die Fahrt bis
dorthin hat uns zwar keine Straßengebühren gekostet, aber die korrupten
"Polizeibeamten" sind mit 5.- bis 10.-$ auch immer mit von der Partie. In Moskau
werden
wir bereits erwartet und haben ein Hotel für die Nacht und am nächsten Tag eine
Werkstatt
für das Quad.
Den
herausgerutschten Simmering klebe ich wieder ein und mache einen, kleinen Kundendienst
am Quad, so geht der Tag schnell vorüber. Der nächste Tag war für Sightseeing
reserviert.
Wir fahren mit einem befreundeten Journalisten zum roten Platz.
Natürlich lasse ich es mir nicht nehmen mit dem Quad auf den roten Platz zu fahren.

Die halb Meter hohe
Schneebarriere bremst mich nur kurz. Im zweiten Anlauf springe ich mit dem Quad
drüber. Kaum stehe ich vor der Basilius Kathedrale kommen auch schon gleich zwei Soldaten
und so ein
Zivil Polizist angerannt. Nicht sehr freundlich sind die. Ich will doch nur das kleine
rote Quad fotografieren.
"Darwei, Darwei", weg hier schnell sind die Worte. "Na gut" im Drift
wieder über die Barriere und die
Situation ist gerettet.
Zu Fuss schlendern wir über den roten Platz, besuchten das Grab des unbekannten Soldaten
und laufen
durch die Gassen von "Old Arbat", dem Künstlerviertel von Moskau. Drei Tage
Aufenthalt sind in dieser
Großstadt leider etwas wenig. Mit funktionierendem Quad fahren wir aus Moskau hinaus in
Richtung
Nordwest. St. Petersburg ist unser nächstes Ziel. Die alte Zarenstadt gehört zu den
schönsten Städten
der Erde. Sie ist auf 42 Inseln erbaut. Doch bis dorthin ist es noch 800 Kilometer. Davon
kann ich gut 300
Kilometer selber fahren den Rest war mal wieder Leine angesagt. Durch die extreme Kälte,
minus 30 Grad ist die Zylinderkopfentlüftung zu gefroren der Motor hat wieder Druck
aufgebaut und den
Simmering herausgedrückt. Nur gut das in St. Petersburg von "Lucas" Russland
mir eine Werkstatt zur
Verfügung steht. Nach zwei lausig, kalten Tagen ohne Heizsysteme am Quad erreichen wir
St. Petersburg. Wieder mal ein Tag Werkstatt, danach ein Tag Sightseeing. Diese Stadt ist
absolut
sehenswert. Wer sie besucht sollte mindestens eine Woche Zeit mitbringen.
Wir geniessen das
Flair, dieser altertümlichen Stadt. Auch die minus 25 Grad sind schnell ignoriert bei
dem schönen Anblick. Leider leiden meine Finger speziell die Daumen durch den Einfluss
der brutalen
Kälte. Durch das Fotografieren und Filmen, ohne Handschuhe, sind sie der Kälte direkt
ausgesetzt. Sie
schmerzen aber ein Indianer oder besser gesagt ein "Quad Driver" kennt keinen
Schmerz. Nach drei,
angenehmen Tagen verlassen wir St. Petersburg mit dem Ziel Finnland. Zurück zur
Zivilisation. Nicht das
es uns in Russland an irgendetwas gefehlt hat, das Verständigungsproblem hört in Europa
einfach auf.
Englisch wird in den Skandinavischen Ländern überall gesprochen. Es ist ein sonniger
Tag, aber extrem
kalt. Minus 35 Grad machen den angegriffenen Daumen zu schaffen. Ich beiße die Zähne
zusammen und
ignoriere den Schmerz. Nur eine Stunde bis zum nächsten Tankstopp, aber diese Stunde
wäre fast die
letzte für meine Daumen gewesen. Als ich die Handschuhe ausziehe, sehe ich zwei weiße,
druck- und
schmerzunempfindliche Daumen welche nicht mehr so richtig zu meinem Körper gehören.
Das heiße Wasser
auf der Toilette bringt wieder Farbe in die Daumen. Und als sie anfangen zu schmerzen
bin ich beruhigt "sie sind noch da". An der Grenze, kontrollieren die russischen
Beamten die
Expeditionskabine. Auf finnischer Seite begnügt man sich mit der Begutachtung des
Reisepasses. I
n der Nacht bei krassem Schneetreiben fahren wir auf gut präparierten finnischen Straßen
in Richtung
Helsinki. Immer auf der Suche nach Gasflaschen. Da diese nicht zu besorgen sind, muss der
Benzinkocher uns in der Nacht etwas Wärme spenden. Eine gut ausgebaute Umgehungsstrasse
bringt
uns vorbei an Helsinki nach Wasa. Die Vibrationen am Quad nehmen zu und 200 Kilometer vor
Wasa
sehe ich mich leider gezwungen das Quad wieder an die Leine zu legen. Vermutlich ist das
Variomatikaussenrad beschädigt. Eine Reparatur ist auf der Straße nicht möglich und
wahrscheinlich
fehlen mir auch die Teile dazu. Trotz heftigen Neuschnees kommen wir gut voran. Wasa ist
eine
60.000 Einwohner zählende Stadt und liegt am botnischen Meerbusen, ein Ausleger der
Ostsee.
Neben zwei großen
Freizeitparks mit Schwimmbädern glänzt in Wasa ein hervorragender Kymco Händler.
Meine Geschichte mit dem Quad und Nordkap findet sofort Begeisterung und ich eine offene
Werkstatt
Tür. Zwei Tage später sind alle benötigten Teile da. Und die Variomatik und Quad sind
wieder
einsatzfähig. Jetzt geht es richtig in den Norden. Mit Top gerichteten Quad fahren wir um
17:00 Uhr aus
Wasa ab. Die Tage werden immer kürzer desto weiter wir gegen Norden kommen. Die
angenehmen
Temperaturen um die 8 Grad minus lassen uns zügig vorankommen. Um 23:00 Uhr ist der
heutige
Fahrspass in Oulu zu Ende. Am nächsten Tag werden wir den Bottnischen Meerbusen verlassen
und eine
eiskalte Strecke erwartet mich. Es macht Sinn sich im Winter in der Nähe von Meeren, Seen
und Flüssen
aufzuhalten. Diese natürlichen Klimaspeicher strahlen auch im Winter noch soviel Wärme
ab, dass die
Umgebung davon aufgeheizt wird. Wie ich mir gedacht habe es wird immer kälter! Der
Temperaturmesser
zeigt minus 25 Grad. Bei dieser Temperatur wird es anstrengend. Auch ich muss meinem
inneren
Schweinehund gut zureden. Um 20:00 Uhr erreichen wir einen kleinen Souvenirladen mitten in
der Wildnis
Lapplands. Auf dem kleinen Parkplatz vor dem Haus verbringen wir die Nacht. Der Laden ist
voll gepackt
mit Souvenirs aus der Gegend.

Die meisten werden von den Samen, so heißen die finnischen Lappen, handgemacht.
Die Chefin dort ist ein richtiges Original.

Noch ein Fahrtag
mehr in der Kälte bis zu minus 35 Grad dann erreichen wir das
Europäische Nordmeer. In der Abenddämmerung kommen wir dort an. Unter uns liegt
ein wunderschöner Fjord. Die Reflektion des Wassers gepaart mit Schnee und Eis lässt
uns erschaudern. Erfreulich sind die angenehmen Temperaturen um die 8 Grad minus.
Jetzt beginnt der richtige Fahrspass mit dem Quad.
Schnee und Eis,
Tausende von Kurven
rund um die Fjorde lassen mich sofort die Strapazen der letzten Tage vergessen.
Ich peitsche hinter dem Allrad Pick-Up her und muss viel Konzentration aufbringen, das
kleine Quad
in der Spur zu halten. Durch den kurzen Radstand ist das Quad ständig geneigt
auszubrechen.
Durch aktives Fahren, d.h. durch Gewichtsverlagerung halte ich das ATV gerade und komme
prima hinter dem Pick-Up her.
Zwei Tage dauert die
Fahrt entlang den Fjorden bis hinauf zum Nordkap. Mitten in der Nacht
erreichen wir die Nordkap Insel. Nur noch ein Tunnel unter dem Meer trennt uns von dem
nördlichsten,
zu befahrenden Punkt Europas. Kaum kommen wir aus dem Tunnel denke ich der Weltuntergang
ist nahe.
Ein Schneesturm tobt. Ich kann nicht einmal mehr die Hand vor Augen sehen, geschweige denn
die
Fahrbahnmarkierungen. Langsam, Meter für Meter tasten wir uns weiter. Bis zu der
berühmten Schranke,
welche für uns den nördlichsten Stopp bedeutet. In der Hoffnung, dass sich der
Schneesturm bis morgen
legt, schlafen wir im Expeditionsmobil ein. Ursprünglich wollten wir die letzten 13
Kilometer bis zu der
Aussichtsplattform laufen, da das Wetter uns aber keine Sicht ermöglicht, fahren wir
etwas enttäuscht
wieder in Richtung Süden. Anstatt vor der rostigen Erdkugel zu stehen geniessen wir die
grenzenlose
Ruhe in den Fjorden und werden nachts von dem im Himmel tanzendem Nordlicht belohnt.

Die kürzeste und
kälteste Strecke geht direkt durch Nordfinnland. "Diese ist unsere".
Also, noch einmal ein Gespräch mit dem eigenen "Schweinehund" und durch. Bei
der
Navigation ist das Magellan GPS sehr hilfreich. Und auch das Panasonic. Laptop, welches
bei minus 20 Grad immer noch hervorragend funktioniert hilft bei der Suche nach der besten
Route.
Nicht nur ich teste
auf dieser endlos geraden, total vereisten Straße ein Fahrzeug,
sondern auch alle gängigen Automobilhersteller zieht es in den kalten Norden Finnlands.
Wir sind froh den
arktischen Zirkel wieder zu überqueren, denn jetzt gibt es die Sonne wieder. Ebenso froh
sind wir kein Rentier oder Elch vor das Quad bekommen zu haben. Drei Tage später
erreichen wir den
Bottnischen Meerbusen und fahren auf schwedischer Seite in Richtung Stockholm der
Hauptstadt
Schwedens. Davon dort aus im Winter keine Fährverbindung nach Deutschland existiert,
rollern wir weiter
durch das Land nach Trelleborg. Dieser Hafen hat eine gut frequentierte Fährverbindung
nach Travemünde.
Die TT-Linie, Peter Pan und Nils Holgerson fahren täglich nach Deutschland. Die neun
Stunden Überfahrt
tun mir gut. Ich genieße den Schlaf. Die letzten Fahrtage saß ich über 600km auf meinem
Quad und den
kommenden Tag werden es über 750 Kilometer sein.
Glücklich und müde
erreichen wir am 26.01.2003 die Motorradmesse "Biker Weekend" in
Friedrichshafen.
Nach nur 30 Tagen ist dieses Abenteuer vorüber. 9800 eisige Kilometer, Schneestürme,
Überfälle und
gesundheitliche Schäden waren es Wert. Die positiven, bleibenden Erinnerungen
überwiegen.
Gerry